Gut geteert kann jeder

Es ist 6.30 Uhr. Wie jeden Morgen wird der Partyflur wach und alle Familien eilen lautstark zum Frühstück. Als wir uns eine Stunde später zur Buffetschlacht aufmachten, war es schon wieder ziemlich laut auf dem Flur. Beim Öffnen der Türe wäre fast ein Fotograf in unser Zimmer gestolpert, der gemütlich an unserer Türe lehnte. Denn direkt vor unserem Zimmer fand ein Fotoshooting statt. Keine Menschen wurden geshootet, sondern ein Brautkleid. Was man halt morgens so macht. Um kurz vor 9 erhielten wir einen Anruf der Rezeption, dass unser Fahrer bereit sei. Das muss man sich mal vorstellen – ein asiatischer Fahrer ist noch vor der ausgemachten Uhrzeit fertig. Das ist sehr untypisch. Also eilten wir nach unten. Er begrüßte Mister Daniel, der hinten im Wagen Platz nahm, sehr ausgiebig. Die blonde Begleiterscheinung wurde keines weiteren Blickes gewürdigt. Hat ihn bestimmt irittiert, dass diese dann auch noch vorne neben ihm Platz nahm. Dabei hatte er die beiden Willkommenswasser doch schon hinten im Wagen bereitgestellt. Die Konversation fand ausschließlich zwischen ihm und Mister Daniel statt. Ein bisschen komisch kommt man sich da dann schon vor. Unser heutiges Ziel sollte die Teeplantage Gunung Mas im Pancakgebirge sein. Daher hatten wir uns extra einen Fahrer vom Hotel gemietet, da wir nur schwer dort hin gelangen können. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: heute sollte der Weg das Ziel sein. Für indonesische Fahrverhältnisse fuhr unser Fahrer sehr gesittet. Auf der Autobahn angekommen spielten sich dann auf einmal komische Szenen ab. Es hatte sich ein Stau angebahnt. Ziemlich viele Menschen liefen zwischen den schritttempo fahrenden Autos hindurch und machten merkwürdige Zeichensprache. Unser Fahrer gab uns zu verstehen, dass die Straße ins Gebirge oftmals für mehrere Stunden gesperrt würde und man nie wissen könnte, wann sie wieder geöffnet würde. Schön, dass uns das auch mal jemand mitteilt. Kurzerhand setzte er zum Manöver an und wendete in den Gegenverkehr. „We take an alternative route, Mister Daniel, okay?“. Mister Daniels Widerspruchsmöglichkeiten waren dahin und wir düsten wieder zurück, um eine andere Strecke zu nehmen. Wir nennen es die „Schleichwegstrecke“. Sowas hat man noch nicht erlebt. Über Stock und Stein, durch jedes nur erdenkliche Schlagloch fuhren wir durch die engsten Gassen des Umlands von Bogor. Die meisten Straßen waren gerade einmal so breit, dass ein Auto und ein Motorrad hindurch kamen. Doch das interessiert natürlich niemanden. Die Autos, Busse und LKWs quetschten sich aneinander vorbei, zwischendurch noch ein paar Motorräder. Immer wieder gelangten wir an Stellen, die wirklich so eng waren, dass es nicht möglich war, zwei Fahrzeuge hindurchzubringen. Und überall standen dann Indonesier, deren Aufgabe das Einwinken der Autofahrer ist. An der ein oder anderen Stelle macht dies durchaus Sinn, an vielen jedoch auch nicht. Da steht mitten im Nichts ein Mensch mitten auf der Kreuzung und spielt Verkehrspolizist. Teilweise übernehmen diese Aufgabe auch Kinder. Ab und zu wird den Einwinkern ein kleine Schein zugesteckt.

Ein Wackeldackel hätte in unserem Wagen absolut seine Freude gehabt. Bei jedem Schlagloch, durch das wir mit geringster Geschwindigkeit fuhren, schüttelte sich das Auto und seine Insassen wild umher. Ein Glück saß der kritische Teil der Reisegruppe vorne, sonst hätte es ein Unglück gegeben. Diese Schleichwegstrecke kostete uns knapp zwei Stunden bis wir am Gunung Mas ankamen. Hier ließ uns der Fahrer aussteigen und wir vereinbarten einen späteren Treffpunkt. Und schon ging es los. Bereits die ersten Meter waren anders, als wir es uns vorgestellt hatten.Die Vorstellung: wir halten an einer Teefabrik, hier bekommt man eine Führung, wie der Tee hergestellt wird, möglicherweise eine Verkostung und anschließend geht es in die Teefelder, um den Pflückern zuzusehen.

Die Realität: wir liefen eine lange Straße entlang, die sonst nur Autos und Motorräder hinauf fuhren. Sie sollte zur Teefabrik und zu einem Tee Spaziergang führen. Auf dem Weg dahin sahen wir alles, was an Absurdität nicht zu überbieten war. Es gab sämtliche Bespaßungseinrichtungen, die kein Mensch auf einer Teeplantage erwarten würde geschweige denn braucht: Pony reiten, Paintball spielen, Quad fahren, Boot fahren. Und noch immer keine Teefabrik in Sicht. Auf dem Weg wurden wir mal wieder für einen kurzen Fototermin angehalten. Besser gesagt Mister Daniel.

Und dann erblickten wir sie endlich, die Teefabrik. Im Shop erkundigten wir uns, was es hier zu sehen gebe. Und mal wieder den Jackpot gezogen: die Teefabrik ist seit einiger Zeit geschlossen, der Tee wird in einer anderen Stadt produziert. Richtig stark. Allerdings wurde uns empfohlen, den Tee Spaziergang durch die Teefelder zu machen. Also machten wir uns auf den Weg. Dieser führte uns zunächst durch ein kleines Bergdorf, in dem die Kinder selbstgebastelte Drachen steigen ließen und wie wild umher rannten.

Und da waren sie: die Teeplantagen. Man hatte einen wunderschönen Blick auf die Sträucher, bis die Araber auftauchten. Massenweise arabische Touristen mit komplett verschleierten Frauen fuhren und liefen durch die Wege. Und wir entdeckten zwei weitere Bespaßungsangebote. Inmitten der Plantage konnte man Heißluftballon fahren und sich über die Plantage seilen lassen. Einen unpassenderen Ort dafür gibt es wirklich nicht. Nach einem kurzen Spaziergang kehrten wir um und tranken noch einen Tee im lokalen Cafe. Anschließend ging es zurück zu unserem Fahrer. Witzigerweise schien er nicht gewusst zu haben, dass wir den gesamten Teeplantagenbereich bereits zu Fuß abgelaufen waren (was er wohl denkt, wo wir so lange waren?). Denn kurzerhand fuhr er alles nochmal mit dem Auto ab und wunderte sich, dass wir nicht aussteigen und Fotos machen wollten.

Da wir noch etwas Zeit hatten, entschieden wir, zu einem bekannten Wasserfall in der Nähe zu fahren. Laut Bildern sollte man hier gemütlich verweilen und sogar schwimmen gehen können. Der Weg war noch mehr harakiri wie der Schleichweg zuvor. Das war der absolute Wahnsinn. Auf noch engeren Straßen drückten sich noch mehr Autos vorbei. Unser Fahrer klappte mehrmals, ebenso wie der Gegenverkehr, seinen Seitenspiegel ein, damit wir uns nicht streiften. Und dann war es soweit: nichts ging mehr. Kein Vor und kein Zurück. Wir wurden aufgefordert, etwas mehr an den Rand zu fahren. Allerdings ging es hier steil in einen Fluss runter. Ich sah uns schon im Müllfluss liegen. Beim Versuch, an den Rand zu fahren, setzten wir auf. Ich sah uns schon schieben. Doch unser Fahrer war wirklich geübt. Er schaffte es, uns ohne Verletzte aus der Situation zu fahren. Die Fahrt ging wackelig, eng und hupend weiter. Die Blechlawine rollte durch die Gassen, berauf und bergab.Am engsten Nadelöhr der ganzen Fahrt kamen wir schließlich am Wasserfall an. Unser Fahrer verabschiedete sich von Mister Daniel und wir machten uns auf zum Ticketschalter. Dass wir hier aufs Übelste abgezogen wurden, konnten wir leider nicht ändern. Ich bin mir sicher, dass er sich den Preis erst kurzfristig ausgedacht hatte. Innen drin ging es steinerne Treppen bergauf Richtung Wasserfall. Auch hier waren außer uns nur arabische Touristen unterwegs. Man fragt sich, wo die auf einmal alle herkommen. Es gab zahlreiche Essensstände und, wer hätte es gedacht, mal wieder Unterhaltungsprogramm, wem der Wasserfall zu langweilig ist. Dieses Mal im Angebot: Gewehrschießen und Fahrradfahren auf einer Schnur über dem Wasserfall. Es gab auch die Möglichkeit, in einem Zelt inmitten des Waldes zu nächtigen. Plötzlich ergoss sich mal wieder ein sintflutartiger Regen über unserem Standort. Also schauten wir uns noch schnell den Wasserfall an, der wirklich enttäuschend war. Es war ein kleines Becken unterhalb, in dem zahlreiche Burkinis schwammen. Von Idylle jedoch keine Spur. Deshalb drehten wir um und waren nach nur 15 Minuten zurück am Auto. Dort angekommen präsentierte unser Fahrer drei Armbänder, die er gekauft hatte. Für jeden von uns eines. Das neue Wolfsrudel. Und weiter ging die wilde Fahrt Richtung Hotel. Eines muss man ihm lassen, er behielt immer die Ruhe, auch wenn die Situation noch so auswegslos erschien und auch seine Navigationskenntnisse waren der Wahnsinn.

Im Hotel angekommen checkte er sich noch die Handynummer von Mister Daniel ab und machte ein Selfie mit uns. Über unser Trinkgeld war er sehr verwundert und wollte erst gar nicht annehmen. Dank seiner anschließenden Whatsapp-Nachricht wissen wir nun endlich, dass er Saepol heißt.

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