Zwischen Scham und Stolz

Der gestrige Tag ging mit einem schrecklichen Ereignis zu Ende: an der Eingangstür zum Zimmer hatte sich eine dicke fette Vogelspinne eingenistet. Manch einer behauptet, es sei keine Vogelspinne gewesen. Doch echte Kenner sind sich sicher! Fachmännisch wurde das Monster beiseite gescheucht. Die Fenster blieben die Nacht über aus aktuellem Anlass natürlich geschlossen.

Der Vortag hatte schon graue Schatten auf das morgendliche Frühstück geworfen. Wurde beim Check-In schon gefragt, ob es Vegetarier innerhalb der Reisegruppe gäbe. Es ging schließlich um die Menge an Würsten und Omletts fürs Frühstück. Das verhieß nichts Gutes. Und siehe da: das Gefühl täuschte nicht. In einem schön hergerichteten Frühstücksraum gab es „selbst gebackene Bananenmuffins“, Obst und Müsli. Aber die eigentlich richtige Bestellung konnte man direkt am Tisch vornehmen. Omletts in jeglicher Variation. Die Frühstücksbedienung schien schwer enttäuscht, als nur eine Bestellung dafür einging. In ihrer Vorstellung isst wohl jeder gerne Eier zum Frühstück. Der sogenannte Bananenmuffin entpuppte sich als karamellisierter Bananenmuffin, der an Zuckermasse wohl kaum mehr zu überbieten ist.

Nach einem mehr als räudigen Frühstück ging es schnellen Reifens zum nächst gelegenen Super Spar. Schließlich sollten die Getränke- und Snackvorräte aufgefrischt werden. Da die heutige Tagesetappe lang zu sein schien, galt es, den Turbo anzuschalten. Schwierig im ausländischen Supermarkt. Umso geschickter, dass eine fleißige Einpackhelferin all dies beschleunigte. Natürlich ungefragt. „Keetmanns“, wie es die Einheimischen nennen, erschien an einem Montagmorgen schon deutlich geschäftiger und lebendiger als an einem Sonntag. Überall wuselte es, die Menschen machten sich auf zur Post und in den Supermarkt.

Was echt spannend zu beobachten ist, sind die unterschiedlichen Kleidungsstile der Europäer und Afrikaner. Die namibischen Bewohner ziehen es vor, sich lang zu kleiden und idealerweise sogar eine Wollmütze aufzusetzen. Diese ist echt weit verbreitet. Die Europäer hingegen bevorzugen Zipp-Wanderhosen und Sandalen oder wahlweise eine kurze Hose und Sneakers.

Um 9.15 Uhr startete der Tross Richtung Seeheim. Auf einer Teerstraße ging es zunächst richtig gut los. Die Landschaft veränderte sich auch stark. Immer mehr sah es aus wie in Texas. Noch trockener, noch mehr Kakteen und noch mehr Staub. Und noch weniger Gegenverkehr. Nach einer Stunde Fahrt bog die Reisegruppe auf die deutlich unbequemere Schotterpiste ab. Diese führte 100 Kilometer weit ins Landesinnere zum Fish River Canyon, die letzten 25 Kilometer waren dann das Sahnehäubchen. Doch zunächst ging es über Schotter. Innerhalb der ersten 2 Stunden kamen 2 weitere Fahrzeuge entgegen. Starke Quote. Ansonsten war außer Büschen, Steinen und Staub wenig andere Dinge zu sehen. Ab und zu mal ein Kuhgitter auf dem Boden, dann mal wieder ein Verkehrsschild und einmal sogar ein Café, das allerdings geschlossen hatte. Absolut tote Hose und doch so herrlich. Bei regelmäßigen Biopausen hörte man es: einfach nichts. Kein Geräusch, kein nerviger Mensch und auch sonst nichts. Einfach nur Stille mitten im Nirgendwo.

Mit der Zeit veränderte sich auch die Landschaft immer wieder: steinige Felsen, steiniger Untergrund, halbgrüne Büsche und vereinzelt sogar gelbe Blumen. Wo auch immer die sich das Wasser hernehmen. Namibia scheint nämlich komplett ausgedörrt zu sein. Keines der Flussbetten, die angeschrieben waren, hatten auch nur einen Tropfen Wasser auf Lager. Dürre, wohin man blickt. Die einzig nassen Flecken entstehen da, wo die Biopausen stattfinden.

Die „Piste“, wie sie in unserer Wegbeschreibung genannt wird, war mal besser und oft schlecher. Hubbelig, schotterig und einfach ungenüsslich. Über kurze Streckenabschnitte konnte man mit 60km/h entlang fetzen, ansonsten eher mit 40. Eine durchaus zähe und langwierige Angelegenheit. Warum tut man sich das an – könnte man fragen. Die Antwort darauf gab es einige Stunden später.

Nach 2/3 der Schotterpiststrecke wurde ein Fahrerwechsel vollzogen. Der beste Mann der Reisegruppe durfte hinters Steuer. Einige gute Tipps später von Seiten des Beifahrers war der Spruch des Tages „Reisegeschwindigkeit erreicht, bitte halten“. Sowohl der Reiseführer als auch der Reiseanbieter und der Mietwagenverleih hatten inständig darauf aufmerksam gemacht, nicht übermütig zu werden und sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten. Denn die Gefahr einer Reifenpanne ist auf diesen Straßen mehr als hoch. Das sehen jedoch nicht alle Reiseteilnehmer so und fahren daher mehr als selbstbewusst auf sämtlichen Pisten.

Die letzten 20 Kilometer der Anreise zur Fish River Lodge war schon als „sehr schlecht und schwierig“ vorausgesagt. Da die Reisegruppe auf Empfehlung des Reiseanbieters nicht mit einem 4×4 Auto unterwegs ist, sondern nur mit einem SUV, schien die Empfehlung eines 4×4 für diese Strecke als Herausforderung. Keiner wusste, womit man rechnen müsse. Sand? Oder doch nur Schotter? Allen Überlegungen zum Trotz fand man „nur“ schlechten Schotter vor. Die erste Hürde, eine Steigung von gefühlt 80% wurde souverän bewältigt. Und mit zahlreichen Tipps hinsichtlich der perfekten Reisegeschwindigkeit gelangte die Gruppe mit sicheren Reifen zur Lodge. Unterwegs gab es noch Oryx und Lemminge (oder was auch immer) zu bestaunen. Premiere für die Reisegruppe: hatte sie Oryx bisher immer nur als medium-rare auf dem Teller zu sehen bekommen.

Kurz vor der Ankunft bot sich noch ein spannendes Erlebnis. Mit dem Auto ging es über das Rollfeld des Fish River International Airport. Es bleibt zu hoffen, dass bisher kein anderer Tourist zu Tode erschrocken ist, wenn auf dem hoch frequentierten Flughafen vor seiner Nase  Maschinen gelandet sind.

Vor Ort angekommen staunte man nicht schlecht. Eine Mischung aus Scham und Stolz übermannte die Reisegruppe. Scham, da sie mit dem einzigen nicht 4×4 Fahrzeug auf dem Parkplatz der Lodge standen. Experten sprechen sogar von einem „quadratisch, praktisch, gut -Auto“. Und Stolz, weil kein anderer diese Strapazen mit einem nicht 4×4 auf sich genommen hat. Das soll erstmal einer nachmachen!

In der Fish River Lodge angekommen, gab es erst einmal das, wozu Discover Airlines nicht im Stande war: ein heißes Handtuch zum „Staub aus dem Gesicht wischen“ und ein Willkommensgetränk. Danach gab es die Einführung und den Check-In. Jeder hat hier eine eigene kleine Hütte mit unglaublich traumhaftem Ausblick Richtung Canyon. Man kann es fast nicht glauben, außer man es hat es selbst gesehen. Eine Terrasse mit Blick auf den Canyon, das Bett Richtung Canyon mit Glasfront und eine Außendusche inklusive. Am Hauptgebäude befinden sich das Restaurant, die Bar und der Pool. Alles kaum zu überbieten.

Schnell fiel die Entscheidung, den abendlichen Sundowner mitzumachen. Bis dahin gab es dann erstmal noch Kaffee und Kuchen.

Tagsüber ist es hier sehr heiß. Temperaturen um die 33 Grad – und das jeden Tag. Sobald die Sonne weg ist kühlt es etwas ab. Manchmal so, dass man einen Pulli braucht, manchmal auch nicht. Gleiches Spiel morgens: bis 8.30 Uhr kann man es gut in langer Kleidung aushalten, ab dann wird es richtig warm. Und zwar mit Ansage und stetig.

Zum heutigen Sundowner gings es wieder einmal mit einem Jeep. Gabi und Dieter aus Gelsenkirchen waren auch mit am Start. Es schien zunächst, als scheitere der Ausflug für die beiden Pottler, da Gabi den hohen Aufstieg in den Jeep nicht meistern konnte. Doch Dank unseres hilfsbereiten Guides Gordon war dies gar kein Problem und alle waren erfreut, die beiden an Bord zu haben. Ein Wunder, dass Gabis Digitalkamera den heißen Reifen überlebte.

Auf dem Weg zum Sonnenuntergangsspot wurde zunächst an einem Viewpoint angehalten und in den Canyon gestaunt. Imposant, wie sich die Felsen formiert haben – egal wo man hinschaut, nur Canyon.

Da sich die Sonne schon dem Boden entgegen neigte, ging es weiter zum Aussichtspunkt. Unterwegs wurde diverses Klein-Wildlife gespottet – von namibischer Ratte über Lemminge bis hin zu Cliff Springern. Am Place to be angekommen, wurde direkt die „Bar“ ausgerollt. Von Bier über Wein und Gin Tonic sowie Snacks war alles dabei. Die Sonne küsste schon bald den namibischen Boden und war, wie auch die letzten Tage, sehr schnell verschwunden. Ein herrliches Spektakel.

Mit erneut heißem Reifen ging es zurück Richtung Lodge und damit auch zum Abendessen . Bei Tagliatelle mit Gemüse bzw. Rind an (möglicherweise) Spätzle konnte der Abend ausgeklungen werden. Und der Sternenhimmel gab noch den Rest!

Side Fact am Rande: wer hat sein Clausthaler alkholfrei aus dem weit entfernten Ruhrpott mit ins noch weiter entfernte Namibia mitgeschleift, um es beim Abendessen in der Fish River Lodge zu verköstigen? RIchtig: Gabi!

Ein Kommentar

  1. Ich frag mich immer, wo das Wasser für die Pools herkommt… 🤔 Brunnen, Quelle, Oase? Krass, dass den Menschen immer wieder eine Idee kommt, wie sie zu ihrem nassen Glück kommen 😄

Schreibe eine Antwort zu PatrickAntwort abbrechen